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La Gomera: Tradition trifft Moderne

La Gomera: Tradition trifft Moderne

27. Mai 20142148Views
elsilbo

Sie gehört zu den wichtigsten Traditionen der Kanarischen Inseln und wurde deshalb auch schon 1982 von der UNESCO in die Liste der Weltkulturgüter aufgenommen, die es besonders zu schützen gilt: El Silbo. Die Pfeifsprache, die früher auch auf den anderen Inseln der Kanaren dazu diente, sich über größere Distanzen zu verständigen, ist heute nur noch auf der zweitkleinsten Insel, La Gomera, zu hören. Dies könnte sich jedoch bald ändern.

Die App fürs Pfeifen

Seit es Telefone gibt und erst recht, seitdem jedermann mit einem Handy oder Smartphone in der Tasche ständig erreichbar ist, ist die Notwendigkeit, sich über große Entfernungen hinweg mittels einer Pfeifsprache unterhalten zu können, nicht unbedingt mehr gegeben. Trotzdem haben es die Bewohner von La Gomera geschafft, diese beindruckende alte Sprache bis in die heutige Zeit zu retten. Obwohl es vor einigen Jahren noch so aussah, als würde mit den letzten Silbadores, den Pfeifern, auch die Sprache sterben, so ist es doch durch eine kluge Politik gelungen, dieses einmalige Kulturgut zu erhalten. Und nun kann sich auch noch jeder, der über ein Smartphone und 89 Cent verfügt, El Silbo als App auf sein modernes Kommunikationsgerät laden und damit die Reichweite der Sprache, die bei gut stehendem Wind bis zu 10 Kilometer betragen kann, erheblich erweitern.

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El Silbo, das auf La Gomera seit 1999 an allen Grundschulen der kleinen Insel gelehrt wird, diente früher vor allen Dingen den Hirten dazu, sich über die tiefen Schluchten der Insel hinweg mit ihren Nachbarn und ihrer Familie zu verständigen. So wurden verlorene Schafe wiedergefunden und dafür gesorgt, dass das Essen pünktlich nach der Rückkehr des Bauern vom Felde auf dem Tisch stand, da dieser schon vorher seine baldige Ankunft ankündigen konnte.

Auch wenn El Silbo in den Zeiten moderner Kommunikation und der fehlenden Stille, die für ein reibungsloses Übertragen der Pfiffe notwendig ist, viel von seiner ursprünglichen Bedeutung verloren hat, haben es sich einige Menschen zur Aufgabe gemacht, diese Tradition mit neuem Leben zu erfüllen. Und dazu gehört eben auch die App, die fast 300.000 Begriffe und Redewendungen umfasst. Aus der langen Liste des Angebotes kann das gewünschte Wort oder der benötigte Satz ganz einfach angetippt werden, und schon bekommt man etwas auf die Ohren. Ob die Pfiffe aus dem Smartphone aber die gleiche Lautstärke erreichen wie die der echten Pfeiffer, darf jedoch bezweifelt werden.

Eine gute Idee, die alte Sprache weiter zu verbreiten, ist es aber allemal. Eine gute Idee ist es auch deshalb, weil der Erlös aus dem Verkauf der App, die es sowohl für Android-Smartphones als auch fürs I-Phone gibt, der Fundación Foresta zu Gute kommt, die sich der Wiederaufforstung der Kanarischen Inseln gewidmet hat.

Coole Tradition

Lange haben die Entwickler des kleinen Programms an der perfekten Umsetzung der Idee gearbeitet. Die ersten Versuche, Tradition und Moderne unter einen Hut zu bringen, klangen noch sehr künstlich und roboterhaft. Jetzt jedoch tönen die kunstvollen Pfiffe so rein und klar aus dem Lautsprecher, dass sie jeder verstehen kann, vorausgesetzt er beherrscht El Silbo. Vielleicht ist das aber auch ein guter Grund, sich etwas näher mit dieser faszinierenden Sprache zu beschäftigen. Für die Schüler auf La Gomera ist es bestimmt recht cool, wenn sie im Schulunterricht jetzt ganz offiziell ihre heißgeliebten Smartphones benutzen können, um die Sprache zu lernen, die es ihren Vorfahren auch ohne Handy ermöglicht hat, sich mit den Freunden aus dem Nachbardorf zu verabreden und das, wie in einem echten Chat, gleich mit mehreren. Nur eins war und ist El Silbo ganz sicher nicht: abhörsicher. Die Entschlüsselung der übertragenen Nachrichten lernen auf La Gomera schon die kleinsten Kinder in der Grundschule. Und selbst diejenigen, die sich nicht die Mühe machen wollen, El Silbo zu lernen, finden es wahrscheinlich recht reizvoll, sich einen Klingelton zuzulegen, den schon Generationen zuvor benutzt haben, zu einer Zeit, als die Menschen noch nicht einmal an die technischen Hilfsmittel der Moderne zu denken gewagt hätten. Ihre Lippen haben ihnen ausgereicht. Funktioniert hat es allemal, und die Angst vor Funklöchern gab es auch nicht. Eben die gute alte Zeit.

Thomas

Thomas

Durch meine Arbeit als Journalist habe ich das große Glück überall auf der Welt arbeiten zu können. Auch auf den Kanarischen Inseln habe ich einige Jahre verbracht, eine Zeit, an die ich mich immer gerne erinnere. Obwohl ich danach noch in anderen interessanten Ländern leben durfte gehören die spannenden Erfahrungen, die ich auf den Inseln gemacht habe zu den Erlebnissen, die ich in meinem Leben nicht missen möchte.

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