close
Wie das Auftanken eines Flugzeugs zum Medienereignis wurde

Wie das Auftanken eines Flugzeugs zum Medienereignis wurde

4. Juli 2013775Views
Flugzeug

Die Ankündigung, dass Evo Morales, der Präsident von Bolivien, mit seinem Regierungsflieger einen Zwischenstopp auf Gran Canaria einlegen würde, um für den Transatlantikflug aufgetankt zu werden, ist zunächst einmal keine besonders interessante Meldung. Sie wurde es erst, nachdem das Staatsoberhaupt des Andenstaates nach einem Besuch in Moskau gezwungen war, auf seiner Rückreise einen längeren, höchst unfreiwilligen Aufenthalt in Wien einzulegen. Morales, der in der russischen Hauptstadt an einer Konferenz von Gasproduzenten teilgenommen hatte, wurde verdächtigt, dem am Moskauer Flughafen festsitzenden ehemaligen NSA-Agenten Snowden einen Flug in ein neues Leben spendiert zu haben.

Europäische Regierungen verweigern Überflug

Edward Snowden, der durch die Veröffentlichung der skandalösen Abhörmethoden amerikanischer und britischer Geheimdienste den geballten Zorn der anglo-amerikanischen Staatsgewalt auf sich gezogen hat, sollte sich Gerüchten zufolge an Bord der bolivianischen Regierungsmaschine befinden.

[adrotate block=“4″]

Nun ist Morales und seinen politischen Freunden in Südamerika eine Menge zuzutrauen, aber in diesem Falle war wohl auch er nicht daran interessiert, weiteres Öl in das ohnehin schon lichterloh brennende diplomatische Feuer zu gießen, das zur Zeit die wahren Abhängigkeiten und Zusammenhänge der Weltpolitik beleuchtet.

Noch weniger Courage zeigten jedoch die Regierungen von Frankreich, Portugal und Italien. Gleich nach Aufkommen der Gerüchte hatten sie die Überfluggenehmigungen für ihre Länder verweigert, um ja nicht in den abstrusen Verdacht zu geraten, dem angeblichen Staatsfeind Nr. 1 der USA bei seiner Flucht behilflich zu sein. Der Big Brother jenseits des Atlantiks könnte ja verstimmt reagieren.

Unfreiwilliger Besuch in Wien

Durch diesen Akt des vorauseilenden Gehorsams war Morales, der sich bereits in der Luft befand, gezwungen, eine Alternativroute zu wählen. Diese Schwierigkeiten führten dazu, dass die Präsidentenmaschine in Wien landen musste, wo sie dann für 13 Stunden am Boden blieb. In dieser Zeit konnte sich die hysterisch wirkende Großmacht auf österreichischem Boden davon überzeugen, dass sich Snowden eben nicht an Bord des Staatsfliegers befand.

Gleich nach Bekanntwerden der Gerüchte wurde man auch auf Gran Canaria nervös. Obwohl die spanische Regierung keine Probleme mit einer Überflugerlaubnis für ihr Staatsgebiet hatte, wurden am Flughafen von Gando zusätzliche Sicherheitskräfte stationiert, die im Falle von eventuell auftretenden Schwierigkeiten sofort einsatzbereit gewesen wären.

Während Morales in Wien mit einem Gute-Laune-Programm besänftigt wurde und sich vielleicht auch in der Opferrolle gar nicht so schlecht gefiel, wartete man auf Gran Canaria gespannt darauf, wann der Führer der bolivarischen Bewegung Boliviens auf der Insel eintreffen würde. Nachdem der südamerikanische Regierungsflieger als snowdenfrei deklariert wurde, konnte der Heimflug des Präsidenten mit einem halben Tag Verspätung fortgesetzt werden.

Während der gesamten Wartezeit wurde der Flughafen von Gran Canaria nicht nur von den zusätzlichen Sicherheitskräften belagert, sondern auch von zahlreichen Journalisten, die eine wie auch immer geartete Story witterten.

Die Präsidentenmaschine ist gelandet

Um 15.40 Uhr Ortszeit war es dann soweit. Das Flugzeug des Präsidenten Evo Morales berührte den Boden von Gran Canaria. Dieses für manche Berichterstatter scheinbar historische Ereignis wurde in zahlreichen Bildern und Filmchen festgehalten. Eine Stunde durfte Morales dann die kanarische Gastfreundschaft genießen, bevor er immer noch ohne gefährliche Verräter an Bord, wieder in die Luft gehen konnte, was selbstverständlich ebenfalls in jedem Detail dokumentiert wurde.

Während die Präsidentenmaschine aufgetankt wurde, traf auch der Konsul von Venezuela auf den Kanarischen Inseln, David Nieves, am Airport ein, um seiner Empörung über die „Entführung eines Staatsoberhauptes“ Ausdruck zu verleihen und um die Interessen des befreundeten Bruderlandes vor Ort zu vertreten, da Bolivien selbst über keinen diplomatischen Vertreter auf den Kanaren verfügt.

So bizarr und abstrus die Diskussion um die Person Edward Snowden und das, was er getan hat geführt wird, so hysterisch ist in manchen Teilen auch die begleitende Berichterstattung. Wenn das Auftanken eines Flugzeuges zur Topmeldung eines Tages wird, brauchen wir uns um die wirklich wichtigen Probleme wahrlich keine Gedanken mehr zu machen.

Thomas

Thomas

Durch meine Arbeit als Journalist habe ich das große Glück überall auf der Welt arbeiten zu können. Auch auf den Kanarischen Inseln habe ich einige Jahre verbracht, eine Zeit, an die ich mich immer gerne erinnere. Obwohl ich danach noch in anderen interessanten Ländern leben durfte gehören die spannenden Erfahrungen, die ich auf den Inseln gemacht habe zu den Erlebnissen, die ich in meinem Leben nicht missen möchte.

Leave a Response